Geschichte

Chronik eines Industriedenkmals

1910–1917

Ab 1914 – Die Schultheiss Brauerei AG wird erbaut
© Fotobuch Schultheiss AG, Fotograf unbekannt

Planung & Bau

Die Geschichte der Malzfabrik reicht rund 100 Jahre zurück. Beauftragt durch die Schultheiss-Patzenhofer Brauerei AG – eines der bedeutendsten Unternehmen im boomenden kaiserlichen Berlin bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges – startet 1914 die Bebauung des Areals in der Bessemerstraße 2 bis 14. 1917 waren sechs der heute insgesamt neun Gebäude im für die Epoche typischen, roten Klinkerstil fertiggestellt. Hierbei wurden das Haupt-, Verwaltungs-, Maschinen- und Kellereigebäude sowie der Waggonschuppen, ein Pferdestall und eine Lagerhalle errichtet. Der hauptverantwortliche Architekt, neben dem Ingenieurbüro der Schultheiss Brauerei AG, war Richard Schlüter. Obwohl der erste Bauabschnitt 1917 fertig gestellt wurde, ist der Betrieb erst 1921 zeremoniell eröffnet, und der eigentliche Produktionsprozess sogar erst 1926 aufgenommen worden.

Zur Vertiefung der Geschichte gibt es die Malzreise als historische Führung durch die Fabrik. Informationen zu den Terminen und zur Tour sind hier zu finden.

1918–1996

Von 1918 bis 1996 – Eine Mälzerei in Betrieb
© Mälzer Klaus-Jürgen Wolf am Wender, Archiv: Malzkabinett

Mälzerei im Betrieb

Der Zweite Weltkrieg hatte gravierende Auswirkungen. Die bereits mechanisierte Arbeit der Mälzerei musste wieder manuell erfolgen, da die russische Besatzung sämtliche Maschinen demontiert hatte. Zudem wurde auch ein Teil der Mälzerei durch eine Bombe zerstört, sodass der Produktionsablauf stark beeinträchtigt war. Nach Kriegsende fielen alle anderen Schultheiss-Mälzereien in das Gebiet der DDR und wurden verstaatlicht. Somit besaß das Unternehmen nur noch ein Grundstück, das jedoch durch den Bau der technisch hochmodernen Kastenmälzerei samt Kesselhaus im Jahr 1958 gleich zwei Mälzereien auf einem Areal vereinigte. Baulich und gestalterisch wurde hierbei die Kastenmälzerei mit dem Gebäude der alten Mälzerei (auch Tennenmälzerei) zu einer neuen architektonischen Einheit verbunden. Für den gestiegenen Bedarf an produktionstechnisch notwendigem Malz errichtete Schultheiss 1962 zusätzlich ein großes Silo, das von nun an mit seiner Vertikalität dem Charakter der Gesamtanlage einen neuen Akzent setzte. Weitere Modernisierungsarbeiten wurden durchgeführt: In den 1970er Jahren wurde eine moderne Kälteanlage in das Hauptgebäude integriert. Die Tennenmälzerei baute man in den 80er-Jahren zu einer Kastenmälzerei um, damit sie im Wettbewerb mit anderen Mälzereien weiterhin mithalten konnte. Durch die Umbaumaßnahmen ließen sich Arbeitskräfte sparen und auch Produktionswege verkürzen.

Zur Vertiefung der Geschichte gibt es die Malzreise als historische Führung durch die Fabrik. Informationen zu den Terminen und zur Tour sind hier zu finden.

1996–2005

Von 1996 bis 2005 befand sich die Mälzerei im Stillstand
Matthias Friel

Im Dornröschenschlaf

1995 wurde die Schultheiss-Mälzerei, der die auf dem Fabrikdach thronenden vier Ritterhelme und ihre roten Klinkerfassaden eine unverkennbare Gestalt verleihen, unter Denkmalschutz gestellt. Auch das Ensemble der übrigen Gebäude ist in die Denkmalliste des Landes Berlin eingetragen. Sie dürfen, bis auf wenige Ausnahmen, nicht in ihrer Außenwirkung verändert werden. Sechs der Objekte sind zudem Einzeldenkmale.
1996 musste die Mälzerei dennoch geschlossen werden. Die wirtschaftspolitischen Folgen der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 trafen Schultheiss und ihre Schöneberger Mälzerei, wie viele andere Berliner Unternehmen, hart: Mit dem Wegfall der Subventionszahlungen, die während der Teilung Berlins noch geflossen waren, waren die West-Berliner Betriebe dem Druck der internationalen Konkurrenz nicht mehr gewachsen. Das Areal wurde, mit Ausnahme weniger Nebengebäude, stillgelegt. Die Produktionsgebäude der alten und neuen Mälzerei verloren ihre Zweckmäßigkeit und hatten somit keinen Wert mehr für das Schultheiss-Unternehmen.

Der Leerstand, der das Stadtbild in der Phase nach der Wiedervereinigung weitgehend prägte, weckte als willkommener Freiraum das Interesse der Club- und Kunstszene für das Industrieareal. Um die Jahrtausendwende wählte der KitKatClub das ehemalige Maschinenhaus der Mälzerei als feste Bühne und Schauplatz für seine spektakulären Partys. Innerhalb von nur drei Wochen bauten die KitKat-Betreiber die ehemalige leerstehende Halle in eine Veranstaltungs-Location um. Der Auftakt zu einer kulturellen Umnutzung und spektakulären Wiederbelebung der überkommenen Fabrikgebäude und schließlich des Gesamtareals war gesetzt.

Zur Vertiefung der Geschichte gibt es die Malzreise als historische Führung durch die Fabrik. Informationen zu den Terminen und zur Tour sind hier zu finden.

2005–heute

2005 bis heute – die Wiederbelebung beginnt
Nina Straßgütl

Die Revitalisierung

Begonnen hat der nachhaltige Aufstieg der Malzfabrik im Jahr 2005 mit dem Erwerb des Geländes durch den Visionär Frank Sippel und seiner Firma Real Future AG sowie einigen Mitinvestoren. Nach dem Kauf entstand die Idee, das ehemalige Industriegelände als einen Ort für Kultur, Produktion und Design zu entwickeln. Besonders die Entwicklung von Nachhaltigkeitskonzepten sollte hier eine wesentliche Grundlage darstellen. Drei Jahre später gründete Frank Sippel hierfür die Malzfabrik Immobiliengrundstücksgesellschaft mbH. Stück für Stück wird seitdem der Mälzerei ein neues Leben eingehaucht, die historische Substanz jedoch erhalten. 2009 begann die geschichtsbewusste Sanierung, Revitalisierung und Umnutzung der einzelnen Gebäude. Schrittweise wird seitdem das Areal, zusammen mit dem 2011 dazu erworbenen Nachbargelände, anhand eines neuartigen Konzepts umgenutzt. Eingriffe werden auf ein Minimum reduziert, damit die Geschichte des Ortes, die Patina und die Authentizität nicht verloren gehen. Für diesen außergewöhnlichen Ansatz einer aktiven Denkmalpflege wurde die Malzfabrik 2014 mit der höchsten Auszeichnung des Landesdenkmalamtes von Berlin, der Ferdinand-von-Quast-Medaille, geehrt.

Etappenweise entstanden verschiedene Produktions-, Büro- und Veranstaltungsflächen. Dabei wurde besonderer Wert auf eine liebevolle Restaurierung und die ökologische Optimierung gelegt. Das Gelände erstreckt sich mittlerweile auf knapp 50.000 Quadratmetern mit neun historischen Gebäuden und einem modernen Bürokomplex, mit einer großen Parkanlage mit zwei Retentions-Teichen, die dem Rücklauf und der Zwischenspeicherung von Niederschlagswasser dienen, sowie einer Aquaponik-Farm zur Aufzucht von Fischen in Aquakulturen und zur Kultivierung von Nutzpflanzen mittels Hydrokultur. Damit ist für unterschiedliche Mieter – kleine und große Unternehmen, Künstler und Handwerker – ein einzigartiger Arbeitsplatz mit Wohlfühl-Atmosphäre erschaffen worden.

Nach wie vor zieren die vier Darrhauben, die Wahrzeichen des imposanten Gebäudes, die Dächer der Fabrikhallen, die 2013 saniert wurden. Ein neues Zeitalter für die Malzfabrik war angebrochen.

2017 feierte das Gelände 100 Jahre Malzfabrik-Geschichte. In der Zeitrechnung beginnt diese im Jahr 1910, als in Tempelhof-Schöneberg ein Industriegebiet mit Fabriken und Arbeitersiedlungen entstand. Zu den ersten Gebäuden zählte die Malzfabrik.

Zur Vertiefung der Geschichte gibt es die Malzreise als historische Führung durch die Fabrik. Informationen zu den Terminen und zur Tour sind hier zu finden.

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